Diagnose „Missed Abortion“…wenn die Schwangerschaft vorzeitig endet – Mein Erfahrungsbericht Teil 1

Diagnose „Missed Abortion“…wenn die Schwangerschaft vorzeitig endet – Mein Erfahrungsbericht Teil 1

Juli 31, 2020 0 Von KatjaSchmid

Ich gebe heute einen sehr persönlichen Einblick in mein Leben, meine Gefühlswelt und meine Seele, denn ich werde vom Verlust meines 5. Kindes während der Schwangerschaft berichten. Ich hatte eine Fehlgeburt, zunächst diagnostiziert als „Missed Abortion“ (= verhaltene Fehlgeburt)

***Achtung! Dieses Thema kann für manche Frauen mit großen Gefühlen und negativen Erinnerungen aufgrund eigener Erfahrungen verbunden sein! Wenn Du empfindlich auf dieses Thema und/oder genaue Nennung von Begleiterscheinungen reagierst, oder es unangenehm findest, wenn jemand über etwas so persönliches schreibt, lies bitte hier nicht weiter!***

Dieses Erlebnis ist – während ich diesen Artikel beginne zu schreiben – noch frisch und erst wenige Tage her. Ich habe mich dennoch entschieden, darüber zu schreiben, denn obwohl eine Fehlgeburt bei – statistisch gesehen – einer von vier (!) Frauen vorkommt, wird darüber wenig gesprochen. Auch habe ich Berichte fast ausschließlich in diversen Internetforen gefunden und kaum auf Blogs oder eigens dafür errichteten Webseiten. Ein Grund mehr für mich, offen darüber zu schreiben und vielleicht auch ein wenig zur Aufklärung beizutragen.

Ich war schwanger, mit meinem fünften Kind. Erfahren habe ich dies im Monat Mai, durch einen positiven Schwangerschaftstest, nachdem meine Periode ausblieb und ich mich seit Tagen irgendwie anders und irgendwie „schwanger“ gefühlt hatte. Also erst dachte ich, dass ich mich wegen einer Kräutermischung, die ich wegen meiner heftigen, hormonell bedingten Menstruationsbegleiterscheinungen angefangen hatte, einzunehmen, so anders fühle. Die Symptome begannen nämlich sofort mit Einnahme dieses Präparats ein paar Tage vor dem erwarteten Einsetzen meiner Periode…ich hatte nicht unbedingt mit einer Schwangerschaft gerechnet, aber merkte relativ schnell, dass die Symptome sich stark nach „schwanger“ anfühlten, weshalb ich dann direkt an dem Tag, an dem meine Tage hätten einsetzen sollen, einen Schwangerschaftstest machte…der sich innerhalb von Sekunden verfärbte.

Ich hatte bisher immer relativ entspannte, relativ komplikationslose Schwangerschaften gehabt. Mein Körper weiß was zu tun ist, ich spürte die hormonellen und körperlichen Veränderungen in den anderen Schwangerschaften immer schon deutlich, bevor ich einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt. Meine Kinder freuten sich nach Bekanntgabe der Neuigkeiten sehr, besonders mein 5-jähriger Sohn war ganz glücklich, denn er hatte sich schon lange noch ein Geschwisterchen gewünscht. Selbst meine große Tochter (11) freute sich sehr, obwohl sie lange Zeit immer gesagt hatte, sie möchte definitiv keine kleinen Geschwister mehr.

Es gab auch Zweifel, in mir, von meinem Mann, zwischen uns. Gerade während Corona, inmitten von Existenzängsten, Unsicherheiten und während unsere Partnerschaft durch eine angespanntere Phase ging, NOCH ein Baby?! Trotzdem, ich fühlte mich innerlich glücklich, hatte sofort eine tiefe Verbindung zu diesem kleinen Wesen. Ich spürte, dass es ein Mädchen ist (mein Mann hatte das gleiche Gefühl!) und – nachdem meine letzten beiden Kinder Jungs sind – freute ich mich sehr darauf (wobei natürlich auch ein Junge oder auch Mehrlinge willkommen gewesen wären!).

Ich stellte mir vor, wie ich im nächsten Sommer mit meinem Baby in der Hängematte liegen und es stillen würde. Wie ich noch diesen Herbst einen schönen runden Babybauch haben würde und überlegte, welche meiner Klamotten während der Schwangerschaft weiter tragbar sein könnten und was ich nachkaufen müsste (ich hatte keine Umstandskleidung mehr von den vorherigen Schwangerschaften). Ich kaufte mir auch schon mal ein paar Teile, da ich dazu tendiere, schnell zuzunehmen in den Schwangerschaften und davon ausging, dass meine normalen Klamotten bald nicht mehr passen würden, was tatsächlich auch so war. In Gedanken ging ich durch, welche Anschaffungen ich noch tätigen müßte, ob wir die Zimmeraufteilung zuhause nochmal überdenken müßten, und schaute hin und wieder auch schon mal verstohlen auf süße Mädchen-Babykleidung…ich habe nur noch die Babysachen meiner Jungs, deshalb war mir klar, dass ich zumindest ein paar Mädchen-Teile noch dazu kaufen würde (wenn es denn tatsächlich ein Mädchen geworden wäre…).

Ich suchte mir eine Hebamme, da ich – wie in meinen letzten drei Schwangerschaften – wieder eine Hausgeburt anstrebte. Eigentlich wollte ich am Liebsten für die gesamte Schwangerschaft nur Hebammenbetreuung. Mit der letzten Frauenärztin hatte ich ungute Erfahrungen gemacht und hatte auf das ganze Procedere keine Lust, schon gar nicht darauf, mit Mundschutz ewig im Wartezimmer zu sitzen, mir wieder komische Kommentare zum Thema Hausgeburt anzuhören etc. Glücklicherweise fand ich tatsächlich eine Hebamme im Umkreis, die noch Hausgeburten anbietet und nach einem Telefonat mit ihr war ich mir sicher, dass ich mich in ihren Händen wohl fühlen würde (ich habe ein ziemtlich untrügliches Gespür für Menschen und merke oft schon an der Stimme, ob ich mit jemandem kann oder nicht). Zudem erfuhr ich auch noch zeitgleich, dass eine Bekannte von uns eine Doula-Ausbildung macht und – da ich bei meinen beiden Hausgeburten jeweils eine Doula dabei hatte – schrieb ich sie auch schon mal an. Es fühlte sich erstmal alles soweit ganz gut an und trotz aller ungünstigen Umstände im Außen erfüllte mich meine Schwangerschaft mit einem wunderbaren Gefühl von innen. Es gab ein paar Momente in diesen ersten Wochen, wo ich mich so enorm von Glück und Liebe erfüllt fühlte, wenn ich bewusst den Kontakt zu dieser kleinen Seele herstellte, dass ich es kaum mit Worten beschreiben kann. Ich spürte, dass diese Seele mir eine ganz tiefe Heilung auf verschiedenen Ebenen bringen würde, und auch tiefe Themen, die die Partnerschaft mit meinem Mann von Anfang an begleitet haben, helfen würde, zu klären. Das war interessant für mich, denn so starke und präzise Eingebungen wie in diesen Momenten hatte ich zuvor noch nie. Ich war gespannt, wie sich dies äußern würde…Soweit fühlte sich das alles spannend und gut an.

Eine Sache war da jedoch noch: meine Hebamme bestand – verständlicherweise – auf die drei üblichen Ultraschall-Termine, also überlegte ich hin und her, ob ich doch noch mal zu der Frauenärztin vom letzten Mal gehen oder mir gleich eine neue suchen sollte. Ich entschied mich für letzteres, suchte, telefonierte, bat im Bekanntenkreis um Empfehlungen – und bekam überall wo ich anrief die Ansage, dass man aktuell keine neuen Patientinnen aufnehmen würde, oder aber ich müßte eine gute halbe Stunde fahren. Ich habe hin und her überlegt, aber mich dann entschieden, einfach in den sauren Apfel zu beißen und nochmal zur früheren Ärztin gehen…so unwohl ich mich dabei fühlte, so unausweichlich schien es. Am Abend vor dem Termin fühlte ich mich innerlich unruhig. Ich schlief schlecht. Ich wollte da nicht hin und vielleicht ahnte ich auch schon, dass irgendwas nicht stimmte.

Am Tag des Termins fuhr ich alleine hin, mein Mann blieb mit unseren beiden Jungs daheim, man sollte ja wegen Corona möglichst alleine zum Termin erscheinen und vor allem keine Kinder mitnehmen. Widerwillig ging ich mit Mundschutz in die Praxis, gab meine zwei Mutterpässe und Urin ab, und wartete dann eine gefühlte Ewigkeit im Wartezimmer, innerlich inständig hoffend, dass diesmal die andere, nettere Ärztin mich untersuchen würde und nicht die ältere, unfreundliche, die ich während der letzten Schwangerschaft schon kennengelernt hatte. Doch ich hatte Pech und landete wieder bei ihr. Es gab kein größeres Vorgespräch, sondern nahezu sofort die Aufforderung, mich auszuziehen und zum Ultraschall zu gehen. Irgendwie fühlte ich mich schon dadurch ganz komisch. Ich empfinde diesen vaginalen Ultraschall sowieso als total unangenehm, aber gut. Ich wollte das Ganze einfach hinter mich bringen…und dachte mir, dass ich das jetzt für mein Baby auf mich nehme und es ja gleich vorbei ist.

Auf dem großen Bildschirm sah ich sofort mein Baby. Es wirkte schon so groß und man konnte alles sehr deutlich erkennen, Kopf, Körper, Arme, Beine, Händchen. Ein Glücksgefühl durchströmte mich. Das ist also mein Baby, dieses wundervolle Wesen, das mir so viel Gutes und Schönes bringen möchte! Wow!

Gleichzeitig spürte ich aber auch sofort, dass da etwas fehlt. Ich konnte kein Herz schlagen sehen…es fühlte sich ganz merkwürdig an und erstmal wußte ich gar nicht, was da fehlt, nur dass etwas fehlt, was bei den Ultraschallen sonst immer da war… Und in dem Moment sprach die Ärztin auch schon diese unheilvollen Worte aus, nachdem sie das Baby von allen Seiten gemessen hatte…Es ist kein Herzschlag zu sehen. In diesem Moment breitete sich ein Gefühl von Starre in mir aus. Ungläubigkeit, Verwirrung, Entsetzen, Angst, Trauer. Die Ärztin erwähnte auch noch, dass das Baby nur die Größe von Woche 7 hätte und somit ziemlich sicher ist, dass es nicht mehr gewachsen ist seither (ich war in der 11. Woche).

Dann wechselte die Ärztin nur noch ein paar Worte mit mir, fragte ob ich sowas schon mal erlebt hätte, sagte, dass man das „Missed Abortion“ nennt, fragte nochmal, ob ich vier gesunde Kinder daheim hätte und erwähnte, dass sie mir einen Überweisungsschein mitgibt für die Klinik, und dass die mir dann dort schon alles Weitere erklären werden. Dazwischen durfte ich mich anziehen und meine Mutterpässe wieder einpacken und dann den Überweisungsschein entgegennehmen, während sie erwähnte, ich solle doch gleich in die Klinik fahren, weil die dann auch bald Mittagspause haben (?).

Wenn ich jetzt daran denke, spüre ich, wie sich mein Unterleib angesichts sowenig Mitgefühl und Menschlichkeit und überhaupt angesichts der fehlenden Aufklärung verkrampft.

Ich drehte mich um und ging. Ohne nachzufragen oder noch etwas zu sagen…denn ich fühlte mich nicht in der Lage dazu. Ich stand unter Schock. Draußen rief ich sofort meinen Mann an und sagte ihm unter Tränen, dass unser Baby keinen Herzschlag aufweist. Dass es nicht mehr lebt… Ich war völlig fertig und konnte nicht glauben, was da gerade passiert war.

Und dann fuhr ich, wie in Watte gehüllt, nach Hause. Unterwegs betete ich dafür, dass ich heil zuhause ankommen würde. Ich fühlte mich ohnmächtig und geschockt. Tausend Gedanken gingen durch meinen Kopf, tausende Gefühle rasten durch meinen Körper, von Ungläubigkeit, über Angst, Wut, Trauer, hin zu einem kaum in Worte zu fassenden Schmerz. Das konnte doch jetzt alles nicht wahr sein…

Zuhause legte ich mich fast sofort, nach einer kurzen Trost- und Kuscheleinheit ins Bett. Ich brauchte Ruhe und Zeit. Meine Jungs waren traurig nach der Botschaft, dass das kleine Geschwisterchen nicht mehr lebt, und versuchten mich zwischendrin immer wieder zu trösten oder brachten ihre eigene Trauer zum Ausdruck. Es fühlte sich alles so an, als ob man in einem schlechten Film wäre.

Die ersten Dinge, die ich tat, nachdem ich zuhause war und mich innerlich – schon auf dem Nachhauseweg – dafür entschieden hatte, nicht in eine Klinik zu fahren und eine Ausschabung vornehmen zu lassen (was übrigens wohl das Standard-Procedere ist bei verhaltener Fehlgeburt!), was mein Mann übrigens auch vollkommen unterstützte, waren, meiner Freundin für unser geplantes Treffen abends abzusagen (und ihr auch mitzuteilen warum), einer anderen guten Freundin zu schreiben und eine Bekannte über Instagram zu kontaktieren (ich folge ihr und sie hatte ebenfalls Anfang des Jahres eine verhaltene Fehlgeburt diagnostiziert bekommen, mit anschließender „kleiner Geburt“. Ich telefonierte, verständigte die Hebamme und begann zu lesen und zu recherchieren.

Und ich trauerte, nachdem der erste Schock überwunden war. Meine Mädchen erfuhren vom Tod ihres ungeborenen Geschwisterchens nachdem mein Mann sie von der Schule abgeholt hatte und vor allem für meine älteste Tochter, die gerade eine Woche zuvor eine sehr enge Freundin verloren hatte, brach eine Welt zusammen. Sie weinte sehr und war unglaublich traurig, was mich sehr bewegt hat. Meine jüngere Tochter nahm es gewissermaßen gleichmütig zur Kenntnis, doch ich spürte, dass auch sie emotional gefordert war, sie bringt nur ihre Gefühle ganz anders zum Ausdruck.

Für mich fühlte es sich ganz und gar nicht danach an, in eine Klinik zu fahren und meine Gebärmutter ausschaben zu lassen. Schon allein bei dem Wort bekomme ich Gänsehaut und alles in mir krampft sich zusammen. Auch jetzt wollte ich den natürlichen Weg gehen und meinen Körper machen lassen.

Da ich noch nie zuvor in einer solchen Situation war, informierte ich mich erst einmal ausführlich, befragte Hebammen, las im Internet, usw. Ich wollte definitiv die kleine Geburt abwarten und nur im äußersten Notfall (d.h. es kommt keine natürliche Fehlgeburt zustande) mit Medikamenten nachhelfen. Das war eine Entscheidung, für die man gewillt sein muß, sich mit sämtlichen Emotionen auseinanderzusetzen, denn unter Umständen wartet man Wochen, vielleicht sogar über einen Monat. Und diese Zeit ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle und Gedanken. Da kann alles Mögliche hochkommen und man kommt mehr als einmal an seine Grenzen und zweifelt auch die Entscheidung, zu warten an – jedenfalls ging es mir so…

In Teil zwei berichte ich euch, wie es mir während der Wartezeit erging, wie ich mich fühlte und was ich so dachte. Und wie die „kleine Geburt“ dann ablief. Und ich werde auch berichten, wie ich mich hinterher gefühlt habe und was diese Erfahrung bis da hin in mir bewirkt hat.