Der Umgang mit Verlust und Trauer – speziell bei Kindern

Der Umgang mit Verlust und Trauer – speziell bei Kindern

Juli 3, 2020 1 Von KatjaSchmid

Trauer, Tod und Verlust werden meist wenig oder nur punktuell wirklich thematisiert, besonders wenn es um Kinder geht und wie diese Verlusterfahrungen bewältigen können.

Zu allererst sei gesagt, dass jeder Mensch anders trauert und es keinen allgemein gültigen richtigen Weg gibt, dem Tod eines geliebten Menschen zu begegnen. Auch wie jemand, der z.B. einen Partner oder ein Kind verliert, trauert, kann völlig verschieden sein. Selbst unter Partnern…es sei erwähnt, dass Frauen oft ganz anders trauern als Männer, und auch anders mit ihren Gefühlen umgehen bzw. diese zum Ausdruck bringen.

Kinder, speziell jüngere Kinder (unter sieben), nehmen den Tod oft noch als etwas ganz Natürliches wahr, in vielen Fällen empfinden sie kaum Trauer oder scheinen nur für kurze Momente traurig. Andere Kinder wiederum fühlen sich manchmal verantwortlich, wenn eine nahe stehender Mensch stirbt und fragen sich, ob sie etwas falsch gemacht haben oder in irgendeiner Art und Weise am Tod des Menschen schuld sind. In jedem Fall hilft es, ganz offen mit Kindern über Verlust und Tod zu sprechen – Gefühle verschweigen oder darauf warten, dass das Kind von selbst etwas sagt, um das Kind zu schützen oder vor dem Schmerz des Themas zu bewahren, hat meist keine positiven Effekte. Kinder können mit intensiven Gefühlen umgehen – Vorbild sind hier wieder die Erwachsenen. Angst vor einem Gefühl macht das Gefühl nicht weniger intensiv und macht es auch nicht „weg“.

Heute möchte ich zu Verlust und Tod schreiben, weil mich diese Themen seit meiner Kindheit stark beschäftigt haben – mein jüngerer Bruder starb als er sieben und ich zehn Jahre alt war an Krebs – aber auch, weil es mich im Erwachsenenalter mit dem Verlust meines damaligen Partners (Vater meiner ältesten Tochter) wieder eingeholt hat und nun erneut präsent ist: Vor wenigen Tagen starb eine enge Freundin meiner ältesten Tochter nach schwerer Krankheit. Dieser Verlust hat unsere gesamte Familie getroffen, war diese Freundin doch regelmäßig bei uns zu Gast und meine Tochter immer sehr eng, selbst während der Zeit der Krankenhausaufenthalte usw., mit ihr verbunden. Wir mögen die Familie dieses Mädchens sehr.

Den Schmerz der Eltern, der Geschwister, der Angehörigen vermag ich nicht zu ergründen. Mein Mitgefühl gilt ihnen jedoch in dieser Zeit ganz besonders. Den Schmerz meiner Tochter sehe und fühle ich jedoch ganz direkt. Und für sie kann ich jetzt ganz direkt auch da sein und sie unterstützen.

In meiner eigenen Erfahrung mit Verlust und Trauer habe ich festgestellt, dass der Trauerprozess aus verschiedenen Phasen besteht, die nacheinander, gleichzeitig oder auch durcheinander ablaufen können. Dies zu verstehen, ist aus meiner Sicht sehr wichtig, denn dies kann helfen, die eigenen Gefühle und Gedanken einzuordnen. Geschrieben hat über diese Trauerphasen übrigens z.B. die berühmte Ärztin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, deren Bücher ich uneingeschränkt empfehlen kann, wenn man sich näher mit Verlust und Tod, Trauer und auch den spirituellen Aspekten des Lebens und Sterbens vertraut machen möchte.

Einige ihrer Bücher behandeln besonders das Thema „Tod von Kindern“, weil dies für uns erwachsene Menschen oft mit einem besonders intensiven Schmerz und großem Unverständnis verbunden ist. Es fällt uns schwer, nachzuvollziehen, warum Kinder sterben müssen, warum ein Gott – wenn er uns denn wohlgesinnt ist – dies zulassen kann…doch ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, dass die Bücher von Elisabeth Kübler-Ross mir – speziell zu diesem Thema – sehr viel Trost und Klarheit gespendet haben, und mir auch andere Sichtweisen eröffnet haben. Auch die Bücher von Raymond A. Moody zum Thema „Leben nach dem Tod“ haben mir persönlich sehr geholfen, den Tod von geliebten Menschen anzunehmen.

Für meine Tochter (11) sind diese Bücher nach ihrer eigenen Aussage ebenso hilfreich, denn sie hat viele Fragen, macht sich viele Gedanken und setzt sich sehr bewußt – wie ich finde – mit dem Verlust, den sie gerade erlebt, auseinander.

Für den Umgang mit Verlust und Trauer stehen – gerade im Umgang mit Kindern – für mich an oberster Stelle:

Gefühle fühlen und zum Ausdruck bringen

Verlust und Tod eines geliebten Menschen können uns mit den verschiedensten Gefühlen (positiv wie negativ!) konfrontieren. Da ist zum Einen tiefe Trauer, vielleicht Wut, Unverständnis, aber auch Erleichterung, vielleicht in manchen Fällen sogar Freude und Dankbarkeit. Das mag paradox klingen. Doch man stelle sich einmal vor, dass ein Mensch nach langer Krankheit und großen Schmerzen von uns gegangen ist. Ist es nicht verständlich, dass seine nahen Angehörigen, die ihn aufopfernd gepflegt haben, im Angesicht seines Todes auch eine Erleichterung verspüren? Oder Dankbarkeit, dass dieser Mensch so lange bei ihnen sein durfte?

Gefühle wirklich da sein zu lassen und auch zum Ausdruck bringen zu können ist ganz essentiell für die innere Heilung und Verarbeitung des Verlustes. Viele Menschen haben das nicht gelernt oder schämen sich, ihre Gefühle wirklich wahrzunehmen oder zu zeigen. Das ist schade, denn unsere Gefühlswelt ist ein großes Geschenk und bildet eine Brücke zu anderen Menschen. Über unsere Gefühle schaffen wir eine Verbindung zu unseren Mitmenschen. Ignorieren wir unsere Gefühle oder versuchen wir, diese zu verstecken, dann fühlen wir uns oft allein oder von anderen nicht wahrgenommen – weil eben die Verbindung fehlt. (Dies ist ein umfassenderes Thema, das ich an anderer Stelle gerne noch einmal beleuchten werde.)

Manchmal ist es schon ein Anfang, die eigenen Gefühle nieder zu schreiben oder sich einem vertrauten Menschen öffnen zu können. Wichtig ist aber immer, einem trauernden Menschen möglichst urteilsfrei zu begegnen. Bloß weil man selbst auf eine bestimmte Art und Weise trauert, bedeutet das nicht, dass andere dies genauso tun müssen. Manchmal braucht es Zeit, manchmal hat ein Mensch eben nicht gelernt, seine Gefühle zu äußern oder sie überhaupt wirklich wahrzunehmen. In einem Trauerfall ist es nicht ratsam, diesen trauernden Menschen zu belehren, was er zu tun hat, sondern am Meisten hilft, einfach da zu sein – oder aber, sofern es der andere wünscht, diesen allein zu lassen. (Ich mußte dies auch erst lernen, bzw. lerne es immernoch. Jeder Mensch ist individuell und somit trauert auch jeder Mensch individuell.)

Kinder bringen ihre Gefühle sehr oft noch spontan zum Ausdruck. Weinen, lachen, wütend sein – all diese Gefühlsäußerungen werden auch im Verlustfall kaum anders als sonst sein. Kinder dürfen lachen und Spaß haben, auch wenn gerade ein nahe stehender Mensch gestorben ist.

Respektvoll sein

Manchmal können Außenstehende selbst nicht so gut mit Gefühlen umgehen und versuchen, den Trauernden „aufzumuntern“. Sprüche wie: „Wenigstens muß er jetzt nicht mehr leiden“, „Ihr könnt ja noch ein weiteres Kind bekommen“, „Sie war ja schon alt“, oder ähnliches sind aber tatsächlich nicht geeignet, um einem trauernden Menschen zu begegnen.

Auch wenn eine Familie z.B. mit dem Tod eines noch ungeborenen Kindes konfrontiert ist, paßt es einfach nicht, zu sagen, dass der Embryo oder Fötus ja noch gar kein richtiger Mensch war oder die Schwangerschaft ja noch in einem so frühen Stadium war. Die betreffende Frau empfindet das in den meisten Fällen ganz anders.

Wenn es um Gefühle geht, ist es ganz wichtig, respektvoll zu sein und zu bleiben. Es ist den Trauernden nicht verboten, nach dem Verlust eines geliebten Menschen auch mal wieder zu lachen oder Spaß zu haben. Es ist den Trauernden nicht verboten, etwas für sich zu tun oder zum Beispiel in den Urlaub zu fahren. Jeder Mensch darf entscheiden, was ihm in der Trauerzeit gut tut – Urteile, Fingerzeigen oder ähnliches sind hier einfach fehl am Platz.

Noch etwas: Nicht jeder Mensch möchte nach einem Verlust mit Beileidsbekundungen oder Gesprächsangeboten konfrontiert werden. Manchen ist dies einfach zu viel. Andere wiederum haben ihren eigenen Weg zu trauern und wollen die traditionelle Beileidsbekundung einfach nicht. Es ist wichtig dies zu respektieren. Für Trauernde ist es andererseits ganz wichtig, zu äußern, was sie brauchen und sich wünschen.

Auch die Wünsche des Verstorbenen zu respektieren ist etwas, was an oberster Stelle stehen sollte – für alle Beteiligten.

Raum geben und da sein

Speziell für Kinder kann der Umgang mit Trauer und allen Gefühlen, die durch eine Verlusterfahrung aufkommen, etwas ganz neues und ungewohntes sein, was ihnen Angst macht. Auch werden sie vielleicht Fragen haben, die uns Erwachsenen völlig unlogisch erscheinen. Hier ist großes Einfühlungsvermögen gefragt, aber auch das Bewußtsein, dass Kinder ihre Gefühle oft nicht so zum Ausdruck bringen, wie wir glauben, dass sie es sollten oder es „richtig“ wäre. So kann z.B. Wut oder „sich daneben benehmen“ ein Zeichen für Traurigkeit sein, sich verkriechen oder „bocken“ kann Angst bedeuten. In all diesen Fällen ist großes Fingerspitzengefühl gefragt und dass wir als Eltern oder einfach als Erwachsene dem Kind Raum geben, da sind und Verständnis zeigen. Manchmal äußern kleine Kinder z.B. auch Wut auf eine verstorbene Person. Das ist völlig normal und darf nicht überbewertet werden. Es zeigt oft einfach, dass das Kind mit einem intensiven Gefühl konfrontiert ist, dass es vielleicht noch gar nicht benennen kann, geschweige denn jemals gelernt hat, wie es damit umgehen kann oder soll. Oft hilft es, ruhig zu bleiben und das Kind zu fragen, warum es so wütend ist oder was es in dem Moment braucht. Bei größeren Kindern bricht die Trauer vielleicht immer wieder hervor, oder sie ziehen sich zurück. Auch hier gilt: Respektvoll da sein. Dem Kind signalisieren, dass man es versteht und dass es jederzeit kommen kann. Nachfragen, ob es etwas bestimmtes braucht, ob man noch da bleiben soll, ob es wirklich allein sein möchte, etc.

Alles in allem sind dies meine Ansätze – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Korrektheit oder ähnliches. So handhabe ICH das Thema in meiner Familie, nachdem ich mich intensiv mit Verlust, Tod und Trauer, sowie Psychologie und Gefühlen beschäftigt habe und ausgebildete psychologische Beraterin bin. Falls Du z.B. andere Ansätze hast oder auch andere Erfahrungen gemacht hast, teile mir dies gerne in den Kommentaren mit.

Alles Liebe,